Der Schievemann

Eine besondere Tradition

Zu den vielen besonderen Traditionen, die heute noch von der Scheibenschützen-Gesellschaft gepflegt werden, gehört auch der Schievemann. Viele Neusser werden ihn vielleicht noch nie gesehen, aber doch schon mal gehört haben: Denn der Schievemann sorgt am Jakobustag dafür, dass kein Scheibenschütze den Beginn der Messe an diesem wichtigen Tag verschläft. Und dafür hat er auf seinem Weg zu den Wohnungen der Scheibenschützen, den er ab 5 Uhr morgens antritt, ein ganz besonderes Instrument dabei: eine mehrere Kilogramm schwere Glocke!

Traditionell trägt der Schievemann eine lange, weit über die Knie reichende grüne Jacke mit glänzenden Kupferknöpfen, eine dunkle Hose, einen Hirschfänger an einem Bandelier aus Lackleder, also an einem über die Schulter gelegten Gurt, und einen Zweispitz mit weißem Federbusch. Das wichtigste Requisit ist jedoch die große Handglocke, die wegen des Gewichts an einem Lederriemen um den Hals getragen wird und zwei Griffe hat.

Die Tradition des Schievemanns geht vermutlich auf das Amt eines Bruderschaftsboten zurück. Schon in der Frühen Neuzeit beschäftigten viele Schützenbruderschaften – ebenso wie Gilden oder Zünfte – einen eigenen Boten. In einer Zeit, in der Kommunikation vor allem mündlich erfolgte, hatte er die Aufgabe, die Mitglieder der Gemeinschaft zu Festen und Versammlungen einzuladen, Gelder von ihnen einzusammeln oder sie über wichtige Neuigkeiten, etwa den Tod eines Mitglieds und den Termin der Beerdigung, zu informieren. Häufig übernahmen die Boten noch weitere Aufgaben und unterstützten die Brudermeister bei ihren Aufgaben.

Dies lässt sich auch für den Schievemann der Scheibenschützen nachweisen: Noch bis zum Zweiten Weltkrieg weckte der Schievemann die Mitglieder der Scheibenschützen nicht nur am Jakobustag, sondern er erinnerte sie sechs Wochen, später dann einige Tage vorher bei einem Rundgang an den bevorstehenden Festtermin. Zudem hatte er eine Reihe weiterer Aufgaben.

Von 1902 an sorgte zum Beispiel August Schleppers dafür, dass die Scheibenschützen am Jakobustag pünktlich geweckt wurden. Darüber hinaus betreute er den Scheibenstand und pflegte die dort vorhandenen Waffen. Zu seinen Aufgaben gehörte es zudem, die Scheibenschützen bei ihren Fahrten zu den Bundesschießen zu begleiten und für ein reibungsloses Funktionieren der Sportwaffen zu sorgen. Vermutlich war er auch dafür zuständig, bei den Schießen auf dem Scheibenstand die Treffer anzuzeigen. Denn bevor eine elektrische Zugeinrichtung den Schützen erlaubte, ihre Zielscheibe zurückzuholen und selbst zu kontrollieren, musste ein Mann, ein so genannter Zieler, in einem Graben am Ende der Schießbahn stehen (geschützt durch einen Holzverschlag) und das Ergebnis nach jedem Einzelschuss durch Ausklappen eines Zahlenfelds und kreisende Bewegungen anzeigen. An diese Tradition erinnert die Zielerkelle, die runde Scheibe mit den konzentrischen Kreisen an einem Stab, die der Schievemann heute noch mit sich führt.

Wer einmal zum Amt des Schievemanns berufen war, übte dieses meist sehr lange aus. Im 19. Jahrhundert war der Schuhmachermeister Wilhelm Walge 40 Jahre lang der Schievemann der Gesellschaft. Walge, klein und etwas verwachsen, blieb den Neussern noch lange als „Original“ in Erinnerung. Er trat nicht nur am Jakobustag in Erscheinung, sondern übernahm auch zusammen mit Wilhelm Blömer, dem Kantor im Quirinusmünster, und „Funks Nas“ das Beiern. Und August Schleppers weckte die Scheibenschützen 36 Jahre lang, bevor er 1938 mit 75 Jahren sein Amt aufgab.

Die Schievemänner wurden in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg mit neuen Problemen konfrontiert: Die Wege zwischen den Wohnungen der Scheibenschützen wurden immer länger. Viele wohnten in Vororten, wollten aber trotzdem in die alte Tradition miteinbezogen werden und den Schievemann am Jakobustag begrüßen. Peter Beuels, der von 1979 an das Amt ausübte, fand dafür eine praktische Lösung: Er ließ sich von seiner Ehefrau mit dem Auto zu den verschiedenen Stationen fahren! Was natürlich den Vorteil hatte, dass er weiterhin die „Wegzehrung“ – traditionell ein Schnaps – an den einzelnen Stationen annehmen konnte.

Bis 2016 bekleidete Joachim Marx das Amt des Schievemanns der Neusser Scheibenschützen. 2023 nahm sich Adrian Jung, seit 2022 selber Mitglied der Gesellschaft, des traditionsreichen Amtes wieder an.

Der Fahnenträger der Gesellschaft Matthias Neidhöfer und der eher kleine Schievemann August Schleppers im Jahr 1928.

Diese Zeichnung von Severin Wasen stellt auch den Gegensatz zwischen dem großen Matthias Neidhöfer und dem kleinen Schievemann August Schleppers dar, veröffentlicht in der Neuß-Grevenbroicher Zeitung vom 8. Mai 1926

Der Schievemann der Gesellschaft Adrian Jung vor der Fahnengruppe beim Auszug aus dem Quirinusmünster am Patronatstag 2023.

Limitierte Sonderausgabe zum 600-jährigen Bestehen der Neusser Scheibenschützen-Gesellschaft von 1415 e.V.
Fraedrich-Nowag, Stefanie; [Hrsg.]: Neusser Scheibenschützen-Gesellschaft von 1415 e. V.

»Von jetzt an bis in fernste Tage«

600 Jahre Neusser Scheibenschützen

Die Geschichte der Neusser Scheibenschützen vom Mittelalter bis zur Gegenwart.
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