100 Jahre Zug der Neusser Scheibenschützen

22. Juni 2020 | Zug

Ja was denn nun? 100 oder 600 Jahre?

Ein Beitrag unseres Schützenbruders Werner Leurs

 

Die Scheibenschützen-Gesellschaft ist 600 Jahre alt. Ihr Zug, der als eigenständiges Korps am Neusser Bürger-Schützenfest teilnimmt, „erst“ 100 Jahre. Das Jahr 1415 ist das Gründungsjahr der Neusser Scheibenschützen-Gesellschaft. Deshalb haben wir 2015 unser 600-jähriges Bestehen gefeiert. Der heilige Sebastian, der Schutzpatron aller Schützen, war damals auch unser Schutzpatron. Erst viel später, am Ende der Franzosenzeit in Neuss, einigte man sich auf St. Jakobus (den Älteren). Seitdem feiern die Scheibenschützen ihr Schützenfest, heute würde man sagen „Patronatsfest“, an dem der neue „Jakobuskönig“ ausgeschossen wird, jeweils am Jakobustag, dem 25. Juli. Als 1823 der Bürger-Schützen-Verein gegründet wurde, war man noch nicht als eigenständiges Korps dabei. Aber die Scheibenschützen standen nicht abseits, sondern halfen dem neuen Verein mit Rat und Tat. So stellten sie von Anfang an das „fachmännische Personal“ beim Vogelschießen und luden die Büchsen, und das tun sie bis heute. Viele Scheibenschützen marschierten in Zügen anderer Korps mit. Die Chronik des Bürger-Schützen-Vereins zählt im Jahr 1839 namentlich 15 Ehrenmitglieder auf, und von denen waren 10 Mitglied der Scheibenschützen-Gesellschaft.

Bei so viel Spaß am Bürger-Schützenfest konnte es nicht ausbleiben, dass man auch als eigenständiges Korps auftreten wollte. 1920 war es dann soweit: Nach Ende des Ersten Weltkrieges, als endlich wieder Schützenfest gefeiert werden durfte, trat erstmalig ein „Zug der Neusser Scheibenschützen“ an: 19 Mann plus 3 Bogenschützen unter Leutnant Josef Reitz (einen Major gab‚s noch nicht. Siehe Foto unten, aufgenommen am heute nicht mehr vorhandenen Märchen- oder Zwergenbrunnen im Rosengarten). Zum Zeichen seines Ranges trug er seinen Trachtenrock geschlossen und hatte sich eine Offiziers-Feldbinde mit seitlich herabhängender Troddel umgebunden.

100 Jahre Zug der Scheibenschützen

Bogenschützen: Heinrich Josten, Heinrich Weiß, Carl Klüting
Schützenbrüder: Obere Reihe: Albert Franz, Gerhard Gassen, Georg Büschges, Franz Pauli,
Mittlere Reihe: x Aretz, Theodor Königshofen, Louis Dresen, Peter Badort, Severin Lülsdorff, Wilhelm Klusmann, Gustav Broich,
Untere Reihe: Andreas Thewald, Arnold Beckers, Fritz Krücken, Heinrich Speemann, Adolf Lülsdorff, Josef Reitz ‑Leutnant‑, Heinrich Badort, Heinrich Hutz
(Die beiden Musiker rechts und links sind unbekannt)

Nun ist es ja so, dass bei solchen Jubiläen die Jahre seit Gründung gezählt werden, sozusagen „brutto“, und die Jahre der „Nichtteilnahme “ nicht abgezogen werden. So auch beim Zug der Scheibenschützen: 1920 zum ersten Mal teilgenommen, 1921 und 1922 wurde „gestreikt“. Warum? Die belgische Besatzung, die damals in Neuss das Sagen hatte, war den Scheibenschützen heftig auf die Füße getreten. Sie hatte ihren Scheibenstand und ihre Büchsen beschlagnahmt und dazu noch den Scheibenschützen wenige Tage vor dem Schützenfest 1922 auf Anfrage amtlich mitgeteilt, dass ihre Büchsen nicht mehr auffindbar seien. 1923 und 1924 war das Schützenfest von der Besatzungsbehörde komplett verboten. Dafür legte man sich 1925 mächtig ins Zeug. Der Zug der Scheibenschützen war auf 50 Aktive angewachsen, und an der Spitze ging jetzt ein Major. Die „Uniform“, besser Schützentracht, ist bis heute gleich geblieben : Schwarze Schuhe, schwarze Socken, schwarze Hose, weißes Hemd mit Stehkragen und weißer Fliege, weiße Weste, grün-graue Joppe, weiße Handschuhe und natürlich Hut – man braucht ja was zum Grüßen. Der Zug bekam das Ende der „Fußtruppen“ zugewiesen, vor den berittenen Korps. Wie bekannt, sind die Scheibenschützen unbewaffnet, was unbestreitbar den Vorteil hat, dass man am Bierstand und bei den Nüsser Röskes beide Hände frei hat. Nur die an der Zugspitze gehenden jugendlichen Bogenschützen tragen eine Armbrust.

Bei der Parade – und nur da – zeigen die Scheibenschützen vor König und Komitee den „Hutgruß“, das heißt, alle nehmen gleichzeitig, ohne lautes Kommando, den Hut grüßend ab und setzen ihn nach Passieren von König und Komitee gleichzeitig wieder auf, was den Zuschauern ein bewunderndes Raunen und viel Beifall entlockt. Damit das akkurat gelingt, wird der Hutgruß jeweils am Löhnungsappell – mit Musikkapelle – fleißig geübt. Und wehe, bei der Parade tanzt einer aus der Reihe und ist zu früh oder zu spät mit seinem Hut – die Zug-Kasse ist dann immer weit geöffnet.

Um beim Zug der Scheibenschützen mitmachen zu können, muss man erst Mitglied der Neusser Scheibenschützen-Gesellschaft werden, also durch ein normales Verfahren mit Beitrittsantrag und Ballotage. Nach Aufnahme zahlt der Schütze dann den regulären Jahresbeitrag der Gesellschaft. Möchte er nun auch im Zug mitmachen, wendet er sich an die Zugleitung (Major ist zur Zeit Dr. Hans-Peter Zils) und bittet um Aufnahme in den Zug. Dann wird zusätzlich der Zugbeitrag fällig.

Im Jahre 2020 hat die Gesellschaft mehr als 300 Mitglieder, davon sind im Zug 135 Aktive und nochmals 42 Passive.

Doch nun zurück in die Zwanzigerjahre. Der Zug der Neusser Scheibenschützen entwickelte sich nach Ende der Belgischen Besatzung prächtig, genauso wie das ganze Regiment. 1927 holte der Bürgerschützenverein nach, was er 1923 versäumen musste: Die Jahrhundertfeier des Bürgerschützenfestes seit 1823. Es war ein besonders denkwürdiges Fest. Es brachte die erste Rundfunk-Übertragung aus Neuss, und es war die erste Übertragung eines Schützenfestes überhaupt.

1929 fand das 31. Rheinische Bundesschießen in Neuss statt, den Neusser Scheibenschützen war die Ausrichtung übertragen worden.

Die positive Entwicklung des Schützenfestes und des Zuges der Scheibenschützen wurde ab 1933 unterbrochen. Die NSDAP nahm politischen Einfluss auf Komitee und Schützenfest und Querelen und Rücktritte waren die Folge. 1939 fiel die allgemeine Mobilmachung auf den Schützenfest-Sonntag. Das Fest wurde abgebrochen. Der Zweite Weltkrieg begann.

Nach Ende des Krieges hatten die überlebenden Neusser etwas anderes im Sinn als zu feiern. Etwas zu essen und ein Dach überm Kopf waren wichtiger. Aber schon 1947 zog ein kleiner Schützenzug durch die Straßen der zerstörten Stadt. Mit Genehmigung des britischen Kommandanten zogen die Schützen – ohne Waffen und ohne Musik – im Schweigemarsch durch die Straßen. Drei Scheibenschützen waren dabei. Neuer Lebensmut regte sich, und im nächsten Jahr sah das schon wieder anders aus. Da gab‚s schon 22 Grenadier-Züge und 12 Jägerzüge und auch schon 34 Scheibenschützen. Gefeiert wurde mangels anderer Möglichkeiten in Jakob Krülls Autohalle an der Sternstraße, die zwar zu klein war, in der aber – wenn man den Alten beim Erzählen zuhört – die lustigsten Bälle aller Zeiten gefeiert wurden. Schnell wuchs das Schützenfest zur alten Größe, der Zug der Scheibenschützen hatte Mitte der 50-er Jahre schon über 100 Marschierer. Krülls Autohalle wurde bald nicht mehr gebraucht, aber Scheibenschütze Jakob Krüll, genannt Coco, machte sich weiterhin nützlich : Er war immer für jeden Blödsinn zu haben, zur Krönung seiner Aktivitäten ritt er an einem Dienstag beim Wackelzug auf einem Esel an König und Komitee vorbei, sein kleiner Sohn Dieter als Eseltreiber hinterher! Dieser Job hat den Dieter später dazu befähigt, ein erfolgreicher Major des Zuges der Scheibeschützen zu werden, und als Dieter I. wurde er Neusser Schützenkönig. Dieters Schützenfest war übrigens verregnet, aber beileibe nicht verwässert!

 

Der Zug der Scheibenschützen im Jahr 2013 mit Jakobuskönig Oliver Kohlemann

 

Irgendwann in den 1980ern hatten einige Schützen die Idee, wie man das Kirmesende am Dienstagabend verschönern und würdiger gestalten könnte. Also marschierten wir mit unserer Musik nach dem Vorbeimarsch am neuen König auf den Münsterplatz und ließen dort den Großen Zapfenstreich intonieren. Es war wirklich wunderschön. Der Küster vom Quirinus-Münster war so begeistert, dass er am Schluss, am Ende der Nationalhymne, das gesamte Geläut des Münsters einschaltete. Zur gleichen Zeit war aber Oberpfarrer Monsignore Dr. Schelauske auf dem Weg in die „Bürger“. Als er nun das Brausen aller Glocken hörte, dachte er, es sei etwas passiert, St. Quirinus brenne oder so. Also lief er, so schnell er konnte, zurück zu seiner Kirche. Wir klärten ihn auf, und er war so begeistert, dass er im nächsten Jahr selber die Glocken einschaltete. Und dann erklärte er, dass nun zweimal nach dem Zapfenstreich geläutet worden sei, und folglich sei das jetzt in Neuss Tradition. Und so ist es auch geblieben. Der Zapfenstreich der Scheibenschützen sprach sich herum. Und im Laufe der Jahre kamen uns immer mehr Züge und Fahnen-Abordnungen von anderen Korps besuchen. Inzwischen ist es üblich geworden, dass auch der neue König mit dem Komitee kommt und mit uns diesen Kirmesausklang genießt und mit ihm einige 100 Zuschauer. Was für eine Freude zum krönenden Abschluss! Die Scheibenschützen liegen sich zum Abschied in den Armen wie nach einer gewonnenen Fußballweltmeisterschaft.

Und woför donn mer dat all? För de Freud! 

Für die Freude am gemeinsamen großen Fest, die Freude am Wiedersehen mit Freunden, die Freude an so vielen jungen Mitmarschierern, an der herrlichen Musik, am bunten Treiben, an den Nüsser Röskes , und auch Freude am guten Glas Bier, das nur mit guten Freunden schmeckt. So lang ne Knoop an de Box noch hält …

 

Werner Leurs

 

Werner Leurs

ist seit 1984 Mitglied unserer Gesellschaft und im Zug der Neusser Scheibenschützen.

Der Zug der Scheibenschützen im Jahr 2016

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